TA-Gesundheitsforum am Südharz Klinikum

Dienstag, 05. November 2019, 08:57 Uhr
Chefarzt Dr. med. Brucke, Oberarzt Dr. med. Chr. Bahr, Chefarzt Dr. med. K. Letzel (von links nach rechts) (Foto: Thüringer Allgemeine) Am 23. Oktober 2019 fand am Südharz Klinikum der öffentliche Vortrag "Geschichte und Gegenwart der Plastischen Chirurgie - Die Plastische Chirurgie am Südharz Klinikum Nordhausen" statt, welcher durch das das TA-Gesundheitsforum begleitet wurde.

Plastische Chirurgie ist mehr als reine Schönheitschirurgie. Nach schweren Unfällen oder Operationen hilft sie, Körperfunktionen und sichtbar gestörte Körperformen wieder herzustellen oder zu verbessern. So lassen sich zum Beispiel hässliche Narben oder großflächige Wunden infolge von Verbrennungen weitgehend verbergen. Vielen Patienten erleichtert das die Rückkehr in ein normales Leben.

Es begann mit abgeschnittenen Nasen und verunstalteten Ohren. Verbrecher seien so früher für alle sichtbar gekennzeichnet und gebrandmarkt worden, beginnt Christian Bahr, Oberarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie am Südharz Klinikum in Nordhausen, seinen Vortrag über Geschichte und Gegenwart der Plastischen Chirurgie. Belege dafür fänden sich schon in den Aufzeichnungen der alten Ägypter. Auch der Begriff „Schlitzohr" habe hier seinen Ursprung. An Mumien habe man Hinweise auf angeheilte Ohr-Operationen gefunden. Aus Indien kommt der Begriff der „Indischen Nase", mit der man in Vorzeiten abgeschnittene Nasenspitzen rekonstruierte. Im berühmten Handbuch Charaka Samhita des indischen Chirurgen Sushrut (ca. 1500 v. Chr.) wurden bereits bis zu 300 verschiedenen Operationen beschrieben, darunter auch besagte Indische Nase.
In späteren Jahrhunderten beförderten nicht zuletzt die schlimmen Verletzungsfolgen von immer verheerenderen Kriegen Fortschritte in der Wiederherstellungschirurgie. So seien etwa nach dem 1. Weltkrieg die europäischen Städte voll gewesen mit verstümmelten Menschen, was viele Chirurgen herausforderte. Am einfachen Beispiel eines Jungen, dem die Ohren verkleinert wurden, machte Bahr deutlich, wie wichtig bei der plastischen Chirurgie schon immer auch der Resozialisierungseffekt war und ist, der mit den Operationen und Körperkorrekturen einhergeht. Vielen Patienten erleichtere das die Rückkehr in ein normales Leben. 2005 gelang die erste Gesichtstransplantation bei einer jungen Frau, 2008 wurden einem Mann beidseitig Arme transplantiert.

Seit Mai gibt es auch am Südharz Klinikum ein Department für Plastische Chirurgie. Mit zahlreichen Fotos zeigte Bahr, welche enormen Möglichkeiten den Ärzten zur Verfügung stehen. In einem Fall hatte eine explodierte Spraydose bei einem Mann schwerste Kopfverletzungen hinterlassen. In anderen Fällen waren die Ärzte mit den großflächigen Folgen eines hochgiftigen Insektenbisses oder Schäden durch den weißen Hautkrebs konfrontiert. Zum Einsatz komme dabei nicht zuletzt die Mikrochirurgie. Dem Krebs zum Opfer gefallene Brüste können mit körpereigenem Gewebe neu geformt werden. Wunden an Kopf oder Gliedmaßen lassen sich durch Hauttransplantationen verschließen und verbergen. Ein gut durchbluteter Gewebeblock mit Arterien und Venen könne an einer Stelle des Körpers entnommen und an anderer so wieder „angeschlossen" werden, dass eine unmittelbare Heilung erfolgen kann. Unterstützend stünden den Ärzten dafür auch interessante und hochmoderne medizinische Ersatzmaterialien aus dem Labor zur Verfügung. Die Forschung mache hier ständig Fortschritte.

Auch über den Bereich der ästhetischen Chirurgie informierte Christian Bahr. Fernsehen und Internet führten zu einem großen „Preisvergleich". Patienten würden anrufen und fragen, was denn eine schönere Nase so koste. Diese Art von Schnäppchenjagd nannte Bahr fatal, aus Schönheitschirurgie werde so schnell Katastrophenchirurgie. „Jeder Eingriff muss gewissenhaft erfolgen", sagte der Mediziner.
Eine gut operierte Nase sehe man nicht an der Nase, sondern an glücklichen Augen des Patienten, so ein Spruch unter plastischen Chirurgen. Eine der am häufigsten nachgefragten Operationen seien Brustvergrößerungen. Allerdings seien die Kassen restriktiv. Betroffene Patientinnen, die unter zu großen - oder auch zu kleinen oder verformten - Brüsten leiden, müssten sich vor einer Korrektur in der Regel vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen begutachten lassen.

Um die Krankenkassen ging es auch in der anschließenden Fragerunde. Was zahlen sie, was nicht, wollte ein Zuhörer wissen? Bei Unfallfolgen seien die Versicherungen zur Kostenübernahme verpflichtet, für rein ästhetische Maßnahmen zahlten sie nicht, antwortete Oberarzt Bahr.,, Krankhafte Zustände und deren Folgen fallen unter die Krankenkassenpflicht", so Bahr. Gegebenenfalls werde der Krankheitswert durch Expertengutachten erwogen, oft sei das ein steiniger Weg über den Psychologen.
Ein weiteres Fragethema waren Narben. Eine Korrektur hänge ab von vielen Faktoren wie der Größe der Wunde oder dem Alter der Patienten, sagte Oberarzt Bahr. Patienten könnten mitunter selbst durch Massage und Druck Einfluss auf die Narbenbildung nehmen. Medizinisch kommen unter anderem Narbenfolien aus Silikon zum Einsatz, um aus Narbenwulsten, um dem überschießenden Narbenwachstum entgegen zu wirken.

Ein weites Feld ist das Übergewicht. Hier setze die bariatrische Chirurgie als Spezialgebiet der Plastischen Chirurgie an, die sich speziell mit Eingriffen zur Reduktion des Körpergewichtes befasst. Nach dem medizinisch begründeten Einsatz von Magenbändern oder Magenverkleinerungsoperationen gingen auch alle Folgeoperationen wie z.B. Bauchdeckenreduktionsplastik (Entfernung einer ausgeprägten Bauchfettschürze ) zu Lasten der Krankenkassen.

Apropos Plastik: Was der Chirurg Bahr über sein medizinisches Fach hinaus kann, zeigten einige Fotos von Büsten, die er von historischen Kollegen anfertigte. Seit seiner Schulzeit betätige er sich auch künstlerisch mit Bildhauerei, Malerei, Zeichnungen und medizinischen Darstellungen, berichtete der Arzt. Nicht von ungefähr sind Kunst und Medizin in der Plastischen Chirurgie auf besondere Weise vereint.

Text- und Bildquelle: Thüringer Allgemeine vom 04.11.2019
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